Einfach so ...

Duanna Mund

Das Putinkinsche Dorf

Hereinspaziert! Hereinspaziert in das Putinkinsche Dorf des Ladimir! Schnuppern sie Zirkusluft zwischen Wagenburgen, Schaubuden, inmitten von lebensechten Attrappen, Illussionsgeschäften und begnadeten Possenreißern. Verbringen Sie einen Tag im Spiegelkabinett herausgeputzter Fassaden. Sie werden nicht mehr gehen wollen. Schreiten Sie unser Imperium ab, unser Himmel-Hölle-Spiel, mit lockerer Hand auf Grund und Boden gezeichnet. Sie werden Kreide in die Hand gedrückt bekommen und in kreativer Leichtigkeit an der Erweiterung unserer Einflusssphären mitwirken. Spielerisch lassen wir miteinander die Welt über ihre Angst springen. Weniger Couragierte dürfen die Kreide auch fressen, um die Friedfertigkeit des Putinkinschen Dorfes zu unterstreichen. Überzeugen Sie sich von der weltumspannenden Dimension unseres Machwerks und begreifen Sie ein für alle Mal: die Welt ist ein Dorf. Die Welt ist unser. Werden Sie Teil dieser einen, großen Familie. Lachen Sie von unseren Fototapeten, nachdem sie sich bei einem Tänzchen mit Ladimir abbilden haben lassen. Verspiegelte Schauseiten reflektieren glanzvoll unser Tun. Außen pfui und innen hui, dort der Schein und hier das Sein, bei denen der Terror bei uns das Volk, Brot und Spiele.
Hereinspaziert! Hereinspaziert! Schwingen Sie sich durch das orthodoxe Drehkreuz unserer klerikalen Mitbrüder und erwerben Sie für die Abendvorstellung einen Platz in einer der Patriarchen-Logen. Freuen Sie sich darauf, zwischen dem afrikanischen, ungarischen und türkischen Ehrensektor zu sitzen. Denn wenn es heißt „Manege frei“ geht der Zauber erst richtig los. Die Arena öffnet sich für Jongleure, Feuerschlucker und Seiltänzer jeglichen Couleurs. Das allabendliche Vorprogramm bildet die österreichische Hündchen-Dressur, bei der sich das Auditorium beim Anblick Männchen machender Promenadenmischungen warmlachen kann. Neben dem Über-die-Stange-Springen beherrschen die drolligen Tierchen Pirouetten, Hula-Hoop, Spagat, Verbiegungen sowie die überdehnte Brücke, eine akrobatische Besonderheit, für die sie sich aufgrund eines fehlenden Rückgrats eignen. Die Hündchen werden wegen der leichten Dressierbarkeit ihrer Rasse immer wieder gerne vorgeführt.
Es folgen menschliche Pyramiden, Schwungtrapez und Salto Mortale ohne Sicherheitsnetz. Im Todesrad erleben Sie Beute-Artisten, die nach rascher Einbürgerung die große Tretmühle bedienen. Sie laufen darin um ihr Leben und zeigen, auf diese Weise hochmotiviert, was sie noch drauf haben. Neuerdings befinden sich auch einbeinige Veteranen unter unseren Akrobaten. Sie sind auf den Russischen Barren trainiert, die elastische Stange, von der sie stehend oder sitzend hochgeschleudert werden, um während der Flugphase heldenhafte Posen einzunehmen. Da die putinkinsche Show, abgesehen vom österreichischen Hündchen-Vorprogramm, nichts zum Lachen ist, finden sich Clowneinlagen nur zur Überbrückung der Umbauphasen. Sowohl der Weißclown als auch der dumme August arbeiten ohne Sprache, werden daher aus Journalistenkreisen rekrutiert. Von Umerziehungslagern Heimgekehrte leisten auf diese Weise ihren Bewährungsdienst ab.
Den Höhepunkt der patriotischen Schauspiele bildet die Freak-Show, eine exotische Völkerschau unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen. Direktor Ladimir hält dabei den Daumen am roten Knopf, betätigt diesen jedoch nur, wenn einer vom abtrünnigen Brudervolk, einer der hochaggressiven Nazis, der lächerlichen Gasschlucker und Getreidefresser aus ihren Käfigen zu entkommen droht. Niemand zweifelt daran, dass Ladimir sich mit Bestien auskennt, riecht er doch selbst wie eine. Gerade deshalb verzichten die Vorführungen im Putinkinschen Dorf bis auf zwei Ausnahmen auf Tiere. Die erste ist das Ablegen des russischen Bären auf einem abendlich wechselnden Menschenteppich, die zweite der allseits beliebte Flohzirkus.
Dieser wird von Ladimir selbst zelebriert. Die von der Front mitgebrachten Kleintiere bewegen winzige Panzer, an die sie mit Silberfäden gebunden sind, und schießen auf Minischulen und -krankenhäuser. Die Flöhe taugen als Schützen, da sie, geschickt auf eine kleine Kugel gesetzt, diese beim Sprungversuch von sich schleudern. Aufgrund der geringen Größe der tierischen Artisten und der zugehörigen Bühne ist der Flohzirkus in einem koffergroßen Mienenfeld untergebracht. Da es sich bei dem Flohzirkus um das Lieblingsstrategiespiel unseres Direktors handelt, herrscht bei den zeitlich unbegrenzten Darbietungen Totenstille, obwohl es eigentlich nichts zu sehen gibt. Jeder unter der Zirkuskuppel erkennt die schier unermessliche Größe des Dompteurs angesichts der Kleinheit seiner gezähmten Widersacher. Somit darf die Illusion im Putinkinschen Dorf auch ihren Platz haben. Alles andere ist ja die Wahrheit, nichts als die Wahrheit – so wahr uns Gott und Teufel helfe.

Butscha

Neuerdings
gast die Pipeline Leben aus
ehe der Rubel rollt in Euro zurück,
besoldet mit Töchtern und Söhnen,
Müttern und Vätern,
einfach Männern und einfach Frauen,

einfach Kindern,
zahlungskräftig selbst sie.

Neuerdings
bedeckt wieder der Leib einer Kopftuchfrau
den aufgeworfenen Hügel.
Hunde könnten rückkehren,
den Leichnam ein zweites Mal zu schänden
in der alten Nacht der Menschheit
vor dem Jüngsten Tag.

Neuerdings
ist sie, der alles genommen wurde,
eine von den Guten
und darf kommen.
Hoffnung?
Scheinheiligkeit?
Bis zuletzt, bis danach?

Neuerdings
geht im Osten der Krieg auf.
Erster Vogel, siehst du es nicht?
Sing für die Untoten,
die zu Stein erstarrten
für zukünftige Denkmäler
hüben wie drüben.

Sing,
wenn du meinst,
aber nicht
für mich.

Zu Gast

Wer seine Einladung erhält
schlägt sie nicht aus

An der Tafel die Toten
nie wieder los

auch Lebende
bloß verlierbarer

wie ich
aus Angst nur

Er hebt den Löffel
führt ihn zum Mund

Kommando
jetzt dürfen alle

Es wird geschluckt
was das Zeug hält

der Groll hinunter
gewürgt an

Schmach
Schimpf und Schande dazu

Er löffelt
nicht einmal die eigene Suppe aus

bricht das Brot des Gerechten
hebt den Wodka zu Ehren

eigener Größe
gottgleicher Macht

den Trinkspruch
auf Mütterchen Russland erhoben

Die Schattenhand mit der Gabel
Rechts schneidet

zwischen Recht und Unrecht
verzehrt gierig die Speise

zugleich sich selbst
bis auf den Schatten

seiner selbst
am verlierbarsten von allen

Gästen
rund um den Tisch

Die Toten nicken einander und ihm

kumpelhaft zu    

Verweintes Schneegesicht


Lidlos heute
Augen darin nur Augen darin
blutet der Krieg
schießpulvert der Himmel
bloß Himmel

und -Höllespiel
des Einen
GottIchOhGott Oh GottIchOhGott
scheint es verweint es

sein Schneegesicht

und ebnet die Leiter
für Frau und für Kind
bloß fort nur bloß fort
nur  … bloß
späht schon das Wolkenschaf

 

späht es und rudelt zusammen
den Wolf in die Spur
scheinverhandelt den Frieden
krüppelgebirkt in das Fenster der letzten
der letzten Nachhut


aus lidlos gebrochener Hoffnung
der Augen darin nur Augen darin

blutet der Frieden
schießpulvert der Himmel 

bloß Himmel


Fallout

Sieh nur!

Von Osten her regnet es Friedenstauben
polarlichtet weiß dort
ohne Grün wie die?
ohne Rot wie das?
Weiß nur
und wund

Oh, sieh nur!

Schon liegen sie hoch am wogenden Strand
Federvieh auf Federvieh weiß nicht
mehr wohin?
weiß wie die?
Schwarz wohl
der Grund
 
Liegen wie Schmelze
wie Öl und wie Tod
vergast die Botschaft
der Tauben zu Kot
Augen hinauf
mit gebrochenem Blick
Leere der Himmel
IHN schert kein Geschick
knurren gefallene Bomben aus Lug
gurren von Mordlust
hier Krieg und dort Trug
weissagen das Ende
der Vogelflug spricht
flüstert dem blinden
Gott Odin Gericht
Halt ! ! !

Sieh nur!

Ein Rabe scheint´s haucht aus den Tauben nach Osten
Ist´s Hugin? Ist´s Munin?
Polardunkelt weiß dort
die Hoffnung wie?
das Blut wie?
Weiß auch
und Logos

Oh, sieh nur!